Architektur des Genossenschaftsbaus

Architektur des Genossenschaftsbaus

Im Jahr des Kriegsbeginns verlässt Vorhoelzer Deutschland in Richtung Türkei. Er geht 1939 an die Akademie der schönen Künste nach Istanbul, in der Funktion des Leiters der Architekturabteilung als Nachfolger von Bruno Taut. Doch 1941 gerät er wieder in die Mühlen der Politik. Er recherchiert aus fachlichem Interesse nach Luftaufnahmen, gerät unter Spionageverdacht und wird nach Deutschland ausgewiesen. Dort zieht man den 58-jährigen 1942 noch zur Wehrmacht ein. Als Hauptmann der Reserve im Luftgaukommando VII entgeht er als technischer Überwacher von Bunkeranlagen zumindest dem Fronteinsatz.

Bald nach der Niederlage Deutschlands wird Vorhoelzer als Professor für Baukunst und Entwerfen wieder an die TH München berufen. Neben seiner Lehrtätigkeit übt er die Aufgabe eines Spezialkommissars für den Wiederaufbau der Hochschule aus. Vorhoelzer macht diesen zur praktischen Übung für seine Studenten. Nach seinem Entwurf wird das Hauptgebäude wieder aufgebaut, "wobei der Bestelmeyer-Bau mit einem neuen Dachaufbau und der offen gezeigten Skelettkonstruktion der Hoffassade wesentliche gestalterische Modifikationen erfährt" (Jan Lubitsch).

Doch Vorhoelzer ist keine Ruhe vergönnt. Die fünf Jahre alten Spionagevorwürfe führen 1947 zu einem Verfahren gegen ihn, in dem seiner Rolle im Nationalsozialismus auf den Grund gegangen werden soll. Er wird für ein halbes Jahr suspendiert, dann rehabilitiert. Dieses Mal übersteht der Architekt den Stress aber nicht unbeschadet. Er zieht sich zurück und wird 1952 emeritiert. Zwei Jahre danach verstirbt Robert Vorhoelzer im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Operation.

Vorhoelzers Linie

Die beiden von Robert Vorhoelzer für die Baugenossenschaft München des Bayrischen Post- und Telegraphenverbandes entworfenen Objekte sind exemplarisch für den Stil des Neuen Bauens. Er entsteht in den Zwanziger Jahren aus der Neuen Sachlichkeit, einer auf Reduzierung und Offenlegung der Konstruktion abzielenden Bautendenz. Verdeckung und Zierrat werden strikt abgelehnt. Für diese Architektengeneration werden vorangegangene Stile wie der romantisierende Historismus und der ornamental-dekorative Jugendstil zu Anti-Schablonen. Die Neue Sachlichkeit grenzt sich klar von parallelen zeitgenössischen Richtungen wie dem Expressionismus mit seinen theatralischen Aspekten ab. Für die Avantgardisten des Neuen Bauens hat Architektur eine große soziale Dimension. Das Verwenden moderner, flexibel kombinierbarer Baumaterialien für einfache, kubische Formen ist keineswegs Selbstzweck für eine "modische" Ästhetik. Ökonomisches Planen und Bauen zielen vielmehr auf einen wirklichen Beitrag zur Lösung brennender sozialer Probleme ab: das Wohnungselend in den Städten, die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, die Gefahr des politischen Vakuums für die zur "Masse" degradierten Klassen.