Architektur des Genossenschaftsbaus

Architektur des Genossenschaftsbaus

Die wohl bekannteste Ausprägung findet die Neue Sachlichkeit in der Kunsthochschule des Bauhaus, die alle Gebiete von Kunst und Design umfasst. Doch tragen auch regionale Tendenzen wesentlich zu einer Erneuerung des Gestaltens bei. Robert Vorhoelzer zählt in der Zeit der Weimarer Republik zu den führenden Vertretern moderner Architektur in München und prägt das Bauen der Moderne in Bayern entscheidend mit. Kollegen, die unter oder mit ihm arbeiten wie Thomas Wechs, Georg Werner und Walther Schmidt tragen Vorhoelzers architektonische Ideen überregional weiter. "So wird die Postbauschule zu einer wichtigen Keimzelle der modernen Architektur in Bayern und beeinflusst als Modell einer dezidiert traditionellen Moderne auch das Bauschaffen im Dritten Reich, vor allem bei Industrie- und Militärbauten" (Jan Lubitsch). Insbesondere die Bauten für die Post nehmen "eine eigenständige und herausragend moderne Position zwischen lokaler Tradition und Internationalem Stil ein" (Ann Katrin Bäumler).

Beispielhaft: Die Versuchssiedlung in Neuhausen

Der Pragmatiker Robert Vorhoelzer hat bei der Anlage der Wohnkomplexe an der Arnulfstraße (1928) und am Harras (1932) ganz konkrete Ziele vor Augen. Er will den Lebensbereich Wohnen für die Postbediensteten als unkomplizierte, harmonische Einheit gestalten. Dabei setzt er zeitgemäß auf Experimente mit neuen Baustoffen, Formen und Gestaltungsprinzipien. Der rund 2,5 Hektar große Komplex zwischen Arnulf-, Burghausener-, Richel- und Schäringerstraße erhält die Bezeichnung "Versuchssiedlung". Sie wird hier als Beispiel fortschrittlicher Großsiedlungsarchitektur der 1920er Jahre näher vorgestellt.

Vorhoelzer entwift die Anlage zusammen mit dem Architekten Walther Schmidt. Es geht hier insbesondere um das Erproben kostengünstiger Bau- und Betriebsverfahren. So werden etwa drei gleich konstruierte Häuser mit unterschiedlichen Heizsystemen ausgestattet, um verlässliche Vergleichswerte zu ermitteln. Unter der Prämisse des ökonomischen Bauens werden ferner rund 200 Baumaterialien in der Praxis getestet. Norm für das "Normalhaus" der Siedlung ist "Ziegelbau in Reichsformatsteinen" (Baubericht).

Grundriss und Architektur sind an klaren geometrischen Grundmustern ausgerichtet. Vierstöckige Blockzeilen aus insgesamt 48 Häusern mit 326 Wohnungen von 57 bis 75 Quadratmetern umschließen in quadratischer Ordnung einen sehr großen, schlicht und geradlinig begrünten Innenhof. Betritt man die nach außen geschlossen wirkende Anlage durch eine niedrige Durchfahrt, eröffnet sich ein Eindruck von Weite und Ruhe.